Drama-Dreieck – ein populäres Psycho-Gesellschaftsspiel

Ein Spiel, das Du kennen solltest, aber am besten nicht spielst. Weil in diesem Spiel niemand gewinnt und alle verlieren

In einem Drama-Dreieck gewinnt niemand. Es verlieren alle. Solange es nicht erkannt und aufgedeckt wird, dreht sich dieses Spiel munter weiter. Es wird seit Generationen überaus fleißig gespielt: zwischen einzelnen Menschen, in ganzen Familiensystemen, aber auch zwischen Vereinen, Stämmen, Dörfern und im großen Stil von Völkern, Religionen oder Nationen.
Dabei kostet es jede Menge Zeit und Nerven, stiftet Unfrieden und Hass, kreiert ganz allgemein niedrig schwingende Energie ohne Ende und ist somit ein prima Nährboden für Gewalt. Kurz: es ist ein Spiel, aus dem wir uns alle verabschieden dürfen. Weil es niemandem dient. Umso besser, wenn Du es ab sofort erkennen und aufdecken kannst und Dich bewusst dafür entscheidest, nicht mitzuspielen. Ein Spiel, dem die Mitspieler ausgehen, endet. Von ganz alleine. Puff. Ganz einfach.

Der Namensgeber des Drama-Dreiecks: Eric Berne

Das psychologische und soziale Modell des Drama-Dreiecks stammt aus der Transaktionsanalyse des Psychiaters Eric Berne („Spiele der Erwachsenen“). Es beschreibt ein Beziehungsmuster, in der die Mitspieler die Rollen „Opfer“, „Täter“ und „Retter“ abwechselnd einnehmen. Die Spielmöglichkeiten sind folgende:

  • Drei oder mehr Personen spielen dieses Spiel. 
  • Zwei Personen spielen dieses Spiel und nehmen abwechselnd eine der drei Rollen ein. 
  • Eine Person spielt dieses Muster mit sich selbst, wobei verschiedene innere Anteile die jeweiligen Rollen einnehmen.

Die Rollen sind dabei nicht auf eine bestimmte Person festgelegt, sondern können blitzschnell gewechselt werden. Kaum warst Du noch der Retter, zack, bist Du im nächsten Moment plötzlich der Täter. Mehr im Beispiel unten.

Die Rollen des Spiels: Täter, Retter und Opfer

Das Drama-Dreieck beschreibt, wie sich Menschen miteinander verhalten können. Im Märchen oder einem klassischen Agentenfilm sind die Rollen recht klar verteilt: James Bond und Batman sind die Guten, die die Welt retten. Die Superschurken sind natürlich die Bösen, die die Welt vernichten wollen. Die böse Stiefmutter ist die Mörderin, Schneewittchen das unschuldige Opfer, die sieben Zwerge und der Prinz die Retter. Soweit so klar.
Doch das Leben ist komplexer und abenteuerlicher als die meisten Drehbücher. Im echten Leben geht es nämlich deutlich verrückter und rasanter zu: James Bond würde im echten Leben nämlich nicht nur den Retter spielen, sondern er wäre gleichzeitig auch Opfer und Täter. Hier sind zwei Beispiele:

Drama-Dreieck Fall 1: das streitende Pärchen und der unbeteiligte Dritte als Retter

Stelle Dir vor, Du kommst in ein Café und bemerkst ein Pärchen, das sich heftig zofft. Er scheint recht eindeutig der Täter zu sein und sie das arme Opfer, das unbedingt Hilfe braucht. Als engagierter Retter beschließt Du natürlich, beherzt einzugreifen und die arme Frau vor dem Bösewicht zu beschützen. Doch was tut sie? Kaum hast Du für sie Partei ergriffen, fällt sie Dir in den Rücken! Faucht Dich an, was Dir einfällt, Dich ungefragt einzumischen! Ihren Partner in aller Öffentlichkeit so zu beleidigen, anzufahren und bloß zu stellen! Ihr Partner eilt ihr natürlich zur Hilfe – und jetzt hacken beide gemeinsam auf Dich ein. Na toll! Dabei wolltest Du doch nur helfen…
So schnell können die Mitspieler ihre Rollen wechseln: aus dem anfänglichen Retter wird innerhalb kürzester Zeit das Opfer, der Täter wird zum Retter und das Opfer zum Täter.

Drama-Dreieck Fall 2: „Alle auf den Seminarleiter!“

In Seminaren wird das Drama-Dreieck oft in Feedbackrunden gespielt. Stelle Dir vor, ein Seminarleiter gibt einem Teilnehmer Feedback. Der Teilnehmer nimmt das Feedback persönlich, fühlt sich angegriffen und bricht in Tränen aus. Er mimt das Opfer und sucht bei den anderen Teilnehmern Unterstützung. Die reißen die Retterrolle an sich, springen dem armen Opfer bei und greifen den Seminarleiter an, der damit prompt seiner Retterrolle enthoben und in der Täterrolle gelandet ist: Was ihm, dem bösen Seminarleiter, einfällt, das arme Opfer so zu verletzen! Was für eine Herzlosigkeit!
Erkennst Du, wie schnelll sich das Karussell dreht? Eigentlich wollte der Seminarleiter den Teilnehmer ja nur retten und mit seinem Feedback vor peinlichen Erfahrungen in der Öffentlichkeit bewahren! Doch anstatt eines großen Dankeschöns hat man ihm zuerst erfolgreich die Täterrolle untergeschoben. Und jetzt steckt er selbst auch noch in der Opferrolle und muss gegen alle Seminarteilnehmer kämpfen.
Wird dieses Spiel nicht aufgedeckt, ist das Seminar hiermit gelaufen und endet für alle Beteiligten höchstwahrscheinlich mit einer unschönen Erfahrung.

Der Klebstoff des Drama-Dreiecks: das „Brauchen“

Solange Du das Spiel spielst, „brauchst“ Du jemanden, der mitspielt. Als Retter brauchst Du unbedingt jemanden, den Du retten kannst. Als Opfer brauchst Du unbedingt einen Täter, der Dir etwas „antut“. Als Täter brauchst Du zwingend jemanden, dem Du ein Leid zufügen kannst. Logisch, oder?
Durch dieses unbewusste „sich gegenseitig brauchen“ kleben die Mitspieler in ihren Rollen aneinander. So skurril es klingen mag: Retter, Täter und Opfer sind durch diesen Klebstoff eng miteinander verbunden. Alle Mitspieler kreieren zum einen unbewusst immer wieder Situationen, in denen sie ihre Rolle spielen können. Zum anderen ziehen sie unbewusst Menschen in ihr Feld, die in dem Spielfeld ihre unbewussten Erwartungen erfüllen. Zu guter Letzt verhindert der „Brauchen-Klebstoff“ gleichzeitig, dass ein einmal gewonnener Mitspieler das Spielfeld verlassen kann. Und wenn der Andere das doch möchte, kann es gut sein, dass z.B. der ach so nette Retter plötzlich zornig wird, wenn sein Opfer keine Lust mehr hat, das Opfer zu spielen. Wie soll er denn bitteschön ohne hilfebedürftiges Opfer auch seinen Retter ausleben?

Wenn der Retter die Heilung des Opfers unbewusst sabotiert

Stelle Dir vor, jemand gefällt sich in seiner Retterrolle. Natürlich sucht er sich dann unbewusst oder gezielt jemanden oder etwas aus, die oder das er retten kann. Und wo klappt das besonders gut? Richtig, in allen helfenden und sozialen Berufen: als Arzt, Therapeut, Coach, Tierpfleger usw. Alternativ könnte man natürlich auch Tiere, das Klima, den örtlichen Fußballverein, das einstürzende Haus etc. retten. Alle Zeit, alle Energie fließt hingebungsvoll in das Retten! Stelle Dir z.B. einen Coach vor, der mit seinem Klienten (unbewusst) Drama-Dreieck spielt und seinen Klienten in der Opferrolle hält. Nach jedem gelösten Problem findet der Coach immer wieder etwas, was noch nicht in Ordnung ist. Dabei bietet er seinem Klienten keine Hilfe zur Selbsthilfe an. Nur er, der große Coach kann ihn retten! Und so bleiben beide in einer wechselseitigen Abhängigkeit. Was dabei unbewusst geschieht: der Retter entmündigt sein Gegenüber und sabotiert dadurch sogar die Heilung seines „Opfers“! Obwohl er es doch eigentlich retten wollte. Mit dieser unbewussten Entmündigung rutscht der Retter dann aber in die Täterrolle. Blödes Spiel, oder?

Mögliche Anzeichen dafür, dass Du Dich im Drama-Dreieck befindest

Opferrolle

  • Du fühlst Dich oft machtlos, hilflos oder unglücklich.
  • Du neigst dazu, die Verantwortung für Deine Probleme oder Emotionen auf andere zu schieben. „Ich kann ja nicht weil…“
  • Du suchst oft nach Mitleid von anderen und fühlst Dich wohl, wenn Du bedauert wirst („armer schwarzer Kater“).

Retterrolle

  • Du versuchst, andere zu retten oder ihre Probleme zu lösen, auch wenn sie Dich gar nicht um Hilfe bitten.
  • Du fühlst Dich verantwortlich für das Glück oder den Erfolg anderer.
  • Du opferst Dich und Deine eigenen Bedürfnisse liebend gerne für andere, wirst dann aber sauer, wenn sie Deine Opfer nicht in dem Maß wertschätzen, wie Du es erwartest.

Täterrolle

  • Du kritisierst oder beschuldigst andere für ihre Probleme oder Fehler.
  • Du übst gerne die Kontrolle aus oder dominierst andere gerne, um Dich selbst besser zu fühlen.
  • Du fühlst Dich frustriert oder gereizt, wenn andere nicht so spuren, wie Du es verlangst und erwartest.

Bist Du als „Retter“ frei vom Helfersyndrom?

Solltest Du vermuten, dass Du Drama-Dreieck spielst, stelle Dir selbst z.B. die Fragen: Was wäre, wenn das, was ich zu retten versuche (Patient/Schüler/Jünger /etc.) mich als Retter (Arzt/Lehrer/Guru etc.) nicht mehr braucht und ich überflüssig bin? Wenn es keinen weiteren Termin gibt? Würde ich versuchen, mein Opfer verzweifelt zu halten? Würde ich ihn schweren Herzens ziehen lassen, mich aber gleich nach dem nächstbesten Wesen umschauen, das ich mit meiner Retterenergie beglücken und möglichst lange an mich binden kann? Oder würde ich mich nach dem erfolgreich geretten Braunbären Hugo gleich in die nächste Rettungsaktion stürzen? Z.B. in das Waldstück, das einem Industriepark weichen soll? Was wäre, wenn der ganze Hype um mich als „Retter“ von xy (bitte nach Wunsch einsetzen: Märchenwelt, Euro, Tanzclub, Dorflinde, den Dativ etc.) plötzlich in sich zusammenbräche, und ich einfach wieder ein ganz normaler Mensch wäre – wie vorher auch? Ganz ohne Medienrummel, Demos, Flugblätter, Interviews, Publicity, Talkshows etc. Wäre das großartig und in Ordnung für mich? Könnte ich mich aus tiefstem Herzen freuen, dass jemand oder etwas geheilt und ab sofort unabängig von mir ist? Würde ich mich nach der erfolgreichen Rettungsaktion von xy darüber freuen, dass ich jetzt meine Zeit und Energie in andere Projekte stecken kann?

EXit aus dem Drama-dreieck Option 1: Studiere das Spiel im Außen

Nachdem es meistens einfacher ist, komplexe Strukturen erst einmal im Außen zu erkennen, starte genau damit. Studiere das Spiel, wenn Du persönlich nicht betroffen bist. Nicht wertend, sondern einfach nur beobachtend. Um die Spielzüge immer besser zu verstehen und schneller zu erkennen. Die Mechansimen. Vielleicht wirst Du zufällig Zeuge, wie sich am Nachbartisch im Restaurant ein Drama-Dreieck inszeniert. Oder eine Nachbarin erzählt Dir eine Story. Klatschmagazine sind auch immer eine nette Fundgrube: wie wird das neueste Scheidungsdrama irgendeines x-beliebigen B-Promis in den Medien inszeniert? Wem schustern die Medien die Täterrolle zu, wer ist in ihren Augen das Opfer und wer spielt den Retter? Stellen sich die Beteiligten selbst öffentlich auch so dar? Oder eventuell ganz anders? Möglicherweise erkennst Du das Drama-Dreieck auch in Spielfilmen oder Romanen, Musicals oder Theaterstücken. Politik und Kirche bieten öfters mal auch ganz schön viel Studienmaterial.

EXit aus dem Drama-Dreieck Option 2: Erkenne das Muster und steige aus

Wenn Du die Prinzipien im Außen dann durchschaut hast, wirst Du wahrscheinlich zunehmend leichter erkennen, wenn Du zu einem Drama-Dreieck „eingeladen“ wirst – wenn Dir jemand also eine bestimmte Rolle zuschieben möchte. Was Du in so einer Situation am Besten tust?  Wenn Du ein Drama-Dreieck erkennst, decke es auf. Zunächst für Dich. Werde Dir des Spiels bewusst und entscheide Dich dafür, die angebotene Rolle dankend abzulehnen. Bleibe ganz einfach neutral. Wenn es angebracht ist, decke das Spiel für alle Beteiligten auf. Wählt zum Wohle aller gemeinsam den Exit. 

EXit aus dem Drama-Dreieck Option 2: Heile den Mangel in Dir

Etwas subtiler ist es, sich selbst auf die Schliche zu kommen. Zu erkennen, wann Du (unbewusst natürlich) Dramaspiele anzettelst und andere zum Mitspielen aufforderst. Aber vielleicht hast Du ja einen Menschen an Deiner Seite, der Dich im richtigen Moment darauf hinweist.
Hast Du Dich selbst entlarvt, beleuchte aus der Metaperspektive die einzelnen Rollen näher. Welche Rolle spielst Du gerne? Welche Rolle lehnst Du ab? Das Fiese ist nämlich: Du wirst das Spiel nur verlassen können, nicht mehr hineingezogen werden und auch unbewusst kein Spiel mehr starten, wenn Du (und alle bewussten und unbewussten Anteile in Dir) auf keine dieser Rollen mehr Lust haben. Wenn keine einzige Rolle mehr Dir noch einen Vorteil bringt. Nur die schönen Rollen haben zu wollen und die ungeliebten abzulehnen geht nämlich leider nicht. Gleiche also den Mangel aus, der irgendwo unbewusst in Dir schlummert und Dich unbewusst in diese Spiele hineinzieht.
Ein Beispiel? Gerne! Nehmen wir an, Du spielst gerne den Retter. Alle himmeln Dich an, Du wirst gebraucht. Du bist wichtig, der Held des Tages! Vielleicht bekommst Du ja sogar zig Likes dafür auf Deinem social media-Kanal oder gewinnst die Titelstory der Lokalzeitung? Ahnst Du, worauf das hinaus läuft? Du holst Dir die Anerkennung, das Lob, die Wertschätzung im Außen. Genau da liegt der Hase im Pfeffer. Solange Du Dich selbst nicht toll findest, Dir selbst nicht genügend Aufmerksamkeit schenkst und Dich nicht selbst anhimmelst, werden die Anteile in Dir, denen genau das fehlt, unbewusst immer wieder ein Drama-Dreieck anzetteln. Um den Mangel im Inneren durch etwas im Außen ausgleichen zu wollen. Aber auch das ist ein Spiel, das übrigens nicht funktioniert.

Durchschaue das Spiel

Wisse also um dieses Spiel, seine Regeln und Mechanismen. Halte inne, wenn Du merkst, dass du unbewusst gerade dabei bist, ein Spiel anzuzetteln. Heile die unbewussten Anteile in Dir. Gleiche den Mangel in Dir aus. Dann wirst Du als Mitspieler für die Spiele anderer einfach nicht mehr interessant sein. Decke es auf, wenn Du erkennst, dass es vor Deinen Augen gerade gespielt wird. Das nächste Drama-Dreieck kann dann direkt vor Deiner Nase stattfinden, und Du kannst es ganz relaxt einfach nur neutral beobachten. Möglicherweise ist Dir auch danach, andere dabei zu unterstützen, ihre eigenen Muster zu erkennen. Was Du davon hast? Ein freieres Leben. Ein friedlicheres, relaxteres, unabhängigeres.

Bevor Du jetzt fragst, ob Du anderen Menschen weiterhin helfen und sie unterstützen darfst – natürlich darfst Du das! Ganz ohne alle unterschwelligen Erwartungshaltungen ist diese Hilfe dann einfach nur ehrlich, authentisch und wunderschön.

Buchtipp:
Eric Berne: „Spiele der Erwachsenen. Psychologie der menschlichen Beziehungen.“
Colin C. Tipping: „Ich vergebe. Der radikale Abschied vom Opferdasein.“