Eine wahre Begebenheit.
Erlebt von Helga Thein, aufgeschrieben und gelesen von Andrea Groh
Zum Hören und Eintauchen
Zum Lesen und Mitfühlen
Das vergessene Steinkreuz
Die geheimnisvollen Steinkreuze – Zeugen vergangener Zeiten
Kennst du die Steinkreuze, die überall in der Landschaft stehen? Ihr ursprünglicher Zweck ist heute oft in Vergessenheit geraten. Manche dienten als Wegmarkierung oder kennzeichneten Herrschaftsgrenzen. Andere erinnerten an Verbrechen oder längst vergangene Schlachten. Es gibt Wetterkreuze, Flurkreuze, Sühnekreuze oder Gedenksteine. Einige tragen eine christliche Bedeutung, andere nicht.
Von einem dieser Kreuze handelt diese wahre Begebenheit.
Der verfluchte Hof – Bauprobleme ohne Ende
Ich erhalte eine Anfrage zum Räuchern – dieses Mal von einem Mann, der einen alten, u-förmigen Dreiseithof auf dem Land erworben hat. Er hat das alte Gehöft entkernt und baut es Stück für Stück zum Wohnhaus um. Der linke Teil ist bereits fertiggestellt, doch in dem mittleren und rechten Gebäudeteil stocken die Bauarbeiten. Es geht nahezu alles schief, was schiefgehen kann: Frisch verbaute Plastikrohre brechen über Nacht aus ihrer neuen Verankerung. Wasser aus einem Rohrbruch überflutet die bereits fertigen Räume. Neu verlegte Kabel reißen aus unerfindlichen Gründen, sodass die frisch verputzten Wände wieder aufgeschlagen werden müssen. Der Boden im Schlafzimmer bricht durch, obwohl er erst kurz zuvor ein solides Fundament bekommen hat. Zu den massiven Bauschäden kommt als menschliches Drama hinzu, dass seine Ehefrau ihn verlässt. Das Leben auf einer Dauerbaustelle, die scheinbar kein Ende nimmt, und der damit verbundene Stress und Streit sind einfach zu viel für sie.
All diese Probleme hat mir der verzweifelte Bauherr in dem Telefonat geschildert, in dem er mich um Hilfe bat.
Die rätselhaften Energien des Ortes
Ich komme also zu unserem vereinbarten Termin zum Räuchern und bin schon sehr gespannt, was sich dieses Mal zeigen wird. Christian, der Besitzer und Bauherr, ist vor Ort und empfängt mich mit einem wahren Wortschwall, den ich erst einmal unterbreche. Ich brauche Ruhe, um die Energien des Ortes wahrzunehmen. Der Besitzer versteht, nimmt sich zurück und beginnt, mich interessiert zu beobachten.
In aller Ruhe ziehe ich meine Schuhe aus, verbinde mich mit dem Ort und fühle in ihn hinein. Ein unglaublich kaltes Gefühl durchzieht mich. Abstoßend. Gefühlskalt. Feindselig. Ohne Liebe.
Ein eigenartiger Ort… Es sticht, zieht und brennt unter meinen Fußsohlen. Irgendetwas schubst mich nach vorne. Erst auf den mittleren Teil des Gebäudes, dann nach rechts. Dorthin, wo der alte Stall steht. Etwas möchte, dass ich in eine ganz bestimmte Richtung gehe. Normalerweise wähle ich zum Räuchern zuerst die Wohnräume, doch an diesem Ort ist es anders. Der Ort „dirigiert mich“. Es fühlt sich an, als wollte er mir etwas Bestimmtes zeigen.
Die unheimliche Entdeckung im alten Stall
Ich bereite also mein Räucherzeug vor und stelle mich innerlich darauf ein, den alten Stall zu reinigen. Ich spüre, dass dieser alte Stall alle verfügbaren Energien gegen den Bauherren und sein Vorhaben aufwendet.
Der Ort schiebt und drückt, er zerrt und schubst, und mir ist völlig klar, dass es neue Leitungen mit diesen Energien wirklich schwer haben. Rohrbruch und Kabelbruch waren quasi vorprogrammiert. In diesem Energieumfeld konnte das nicht gut gehen!
Ich folge der Energie und gehe weiter. Direkt auf eine alte Stalltür zu. Von hinten ruft Christian: „Da brauchst du nicht reinzugehen!“ Zu spät. Ich bin schon drin. Oder auch halb draußen. Der Raum hier ist nur halbhoch gemauert, und auch die Natur hat sich hier und da munter ihren Weg nach drinnen gesucht. Unter meinen nackten Füßen spüre ich Glasscherben, die Reste einer alten Lehmwand, rostige, alte Eisenteile, verbogen und verbeult. Ich stapfe barfuß durch Brennnesseln und allerlei sonstigen Unrat, doch ich kann nicht anders. Die Energie zieht mich einfach weiter.
Christian ruft ängstlich hinter mir: „Bleib stehen! Der Boden trägt dich nicht!“ Er befürchtet ernsthaft, dass der Boden unter mir nachgeben könnte und ich einbreche. Doch ich muss einfach der Energie folgen. Und siehe da, wie durch ein Wunder trägt mich der Boden. Ich kann völlig sicher auf ihm gehen. „Du bist doch verrückt!“, schreit Christian fast schon verzweifelt hinter mir. Doch gleichzeitig ist er viel zu neugierig, um mich alleine weitergehen zu lassen. Er dreht um, wählt einen anderen Weg und kommt mir kurz darauf von der anderen Seite entgegen.
Ich bin fast am anderen Ende des Raumes angekommen. Unversehrt und unbeschadet, als ich es fühle: Hier bin ich richtig. Hier ist es. Genau hier hat mich die Energie haben wollen.
Das verborgene Kreuz
Doch meine Augen erkennen zunächst nur das übliche alte Gerümpel: In einem fragilen Haufen türmen sich bis unter die Decke alte Bettgestelle, Glastüren von alten Schränken, Glasscheiben, Teile eines alten Schrankes, hölzerne Backbretter, Balken, Kartons, Leitern, Blecheimer und sogar ein altes Ölfass. Wild wuchernder Efeu scheint das Ganze zu durchdringen und verleiht dem Stapel einen Hauch von Stabilität. Der Stapel muss schon viele Jahre genau so hier liegen.
Ganz hinten an der Wand erkennen meine Augen schließlich etwas, was mein Sinn für Energien schon lange als das erkannt hat, wonach ich suche: Hinter diesem ganzen Haufen, eingewachsen von Efeu, strahlt etwas eine überaus freundliche und friedliche Energie aus.
Zunächst kann ich nur ein kleines Stückchen Stein erkennen. Angespornt von meiner Euphorie hilft mir Christian dabei, das kleine Stückchen Stein freizulegen. Wir zerren und ziehen an den dicken Efeuranken, um nach und nach die obersten Schichten des Stapels abtragen zu können. Nachdem ein alter Schrank entfernt ist, leuchtet uns dahinter unser Fundstück freudestrahlend entgegen. Als würde es jetzt, nachdem es entdeckt und wieder sichtbar ist, rufen: „Na endlich!“ Der ganze Raum, der vorher in einer bleiernen Stille verharrte, atmet spürbar auf. Mir ist, als würde sich unser Fundstück unendlich darüber freuen, mich zu sehen. Befreit von den erdrückenden Lasten der letzten Jahrzehnte.
Es ist ein altes, steinernes Kreuz mit einer verwitterten Christusfigur, die einst aus diesem Stein herausmodelliert wurde.
Das Steinkreuz erblickt das Licht der Sonne
Christian neben mir ist baff, aber auch ein wenig ratlos und verwundert. Sollte in diesem alten Steinkreuz etwa die Lösung seiner Bauprobleme liegen? Christian kann sich das nicht so richtig vorstellen. Dennoch bittet er vier der Bauarbeiter, die gerade auf dem Hof werkeln, um ihre Unterstützung.
Gemeinsam tragen wir den gesamten Stapel ab, bringen alle Teile nach und nach, Stück für Stück in eine andere Ecke des Raumes, bis das alte Steinkreuz in seiner ganzen Pracht vor uns liegt. Und wie durch ein Wunder trägt der Boden uns alle.
Als das alte Steinkreuz also nach gut zwei Stunden endlich freigelegt ist, packen wir alle zusammen an und tragen es nach draußen in die Sonne.
Als wäre eine unsagbare Last von allem genommen, beginnt der ganze Ort plötzlich zu strahlen und zu leuchten: die Bäume und Pflanzen, Häuser und Straßen, auch Christian und seine Bauarbeiter sind erfüllt von einem tiefen inneren Frieden. Selbst aus dem Ort strömen immer mehr Menschen herbei. Unsere Entdeckung hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Es fühlt sich an, als würde der ganze Ort endlich anfangen zu leben, zu atmen. Als wäre er bereit, ganz neu zu erblühen. In strahlender Schönheit.
Wir brauchen definitiv einen guten Platz für dieses wunderbare Steinkreuz. Nachdem Christian das Kreuz nicht auf seinem Grundstück haben möchte, mache ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Platz für das Kreuz.
Ich folge einfach dem Impuls meiner Füße, die mich wie von Geisterhand auf einem unsichtbaren Pfad führen und mich zu einem wunderschönen Platz leiten: Es zieht mich zu einer kleinen Anhöhe, die luftig und weit über den ganzen Ort blickt. An diesen Ort möchte das alte Steinkreuz! Hier ist es richtig. Hier kann es seine ganze Kraft entfalten und wunderbar wirken.
Mit einem kleinen Holzstückchen markiere ich die Stelle, sodass das Steinkreuz später hierhergebracht werden kann. Für heute ist meine Arbeit auf diesem Hof erledigt.
Zurück bei Christian packe ich meine Sachen zusammen und erkläre ihm abschließend, dass tatsächlich all seine Bauprobleme von dem vergessenen Steinkreuz herrühren können. Es gibt so vieles zwischen Himmel und Erde, das ganz real existiert, das aber für viele Menschen nicht unmittelbar sichtbar ist. Christian bleibt skeptisch und ungläubig zurück, was ich völlig verstehe. Doch die Zeit sollte ihm schon sehr bald zeigen, wie alles mit allem zusammenhängt und miteinander verbunden ist.
Die wundersame Wende – Ein Ort erwacht zu neuem Leben
Am nächsten Tag stellen die Dorfbewohner das alte Steinkreuz auf der Anhöhe auf. Einige ältere Damen kümmern sich sogleich voller Freude um den Ort: Sie schneiden die Büsche hinter dem Kreuz ein wenig zurecht, sodass es besser zur Geltung kommen kann, bepflanzen den Ort, schmücken ihn mit schönen Blumen und stellen eine Kerze auf.
Als alles nach wenigen Tagen fertig ist, werde ich zur Einweihung zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Christian ruft mich aufgeregt zu sich und berichtet mir übersprudelnd und voller Freude, was sich seit der Entdeckung des Steinkreuzes bereits alles verändert hat: Auf der Baustelle läuft es plötzlich wie am Schnürchen. Fliesenleger, die eigentlich keine Zeit für ihn hatten, haben urplötzlich ganz kurzfristig einen Termin für ihn frei. In kurzer Zeit werden alle Böden fertig werden. Der Ofenbauer kommt mit einer grandiosen Idee, sodass Christian nun doch noch zu seinem geliebten Holzofen kommt. Vorher wurden seine Wünsche immer abgelehnt. Die Räume wären zu niedrig, hieß es. Und Fenster, die eigentlich eine Lieferzeit von einem halben Jahr hatten, können nun plötzlich doch geliefert werden.
Christian ist überglücklich und meint schmunzelnd: „Naja, vielleicht ist da ja doch was dran… an dem Energiezeugs…“
Ein Jahr später – Ein Dorf blüht auf
Etwa ein Jahr später ruft mich Christian an, um mir zu erzählen, was sich im Jahr nach der Errichtung des Steinkreuzes noch alles ereignet hat – es ist fast unglaublich: Nicht nur sein Umbau ist mittlerweile fertig, und das auch noch viel schneller als gedacht! Seine Frau ist sogar zu ihm zurückgekehrt, und gemeinsam konnten sie die neuen und schönen Räume beziehen.
Doch nicht nur das – auch der Ort insgesamt ist regelrecht aufgeblüht: Ehemalige Dorfbewohner sind zurückgekehrt, neue sind zugezogen, und sogar zehn Kinder wurden in diesem einen Jahr geboren! Mittlerweile leben in dem kleinen Dorf so viele Kinder, dass sich die Gemeinde entschlossen hat, einen Spielplatz zu bauen. Der Schulbus fährt jetzt auch diesen kleinen Ort direkt an, und eine neue Straße konnte gebaut werden, die die alte, schlaglochübersäte ersetzt.
Und all das nur, weil ein altes Steinkreuz endlich wieder seinen Platz gefunden hat. Sachen gibt’s…
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