„Sei unsichtbar, und Du überlebst!“

Wenn der Vater seine Überlebensstrategie aus dem Krieg an die Tochter weitergibt

Marias Geschichte: Wie die Kriegserfahrungen ihres Vaters sie privat und beruflich beeinflussten, und wie sie es geschafft hat, das unbewusste Muster nicht nur zu erkennen, sondern auch aufzulösen und zu heilen.
Ein berührendes Fallbeispiel aus meiner Coaching-Praxis.

Marias aktuelle Situation: privat und beruflich unsichtbar und ausgenutzt

Meine Klientin Maria ist 60 Jahre alt und selbständige Beraterin. Immer wieder gerät sie im Beruf und im Privatleben in Situationen, die ihr spiegeln, dass sie für andere unsichtbar oder ihnen nichts wert ist: Menschen, die ihren kompetenten Rat suchen, passen sie „zufällig“ beim Einkaufen oder Spazieren gehen ab, anstatt einen offiziellen Termin mit ihr auszumachen und Maria entsprechend zu bezahlen. Eine Klientin Marias bittet sie zum Beispiel wegen akuter Geldsorgen um einen Nachlass auf das Honorar, den Maria ihr gerne gewährt. Sie vereinbaren einen Stundensatz von 10€. Später erfährt Maria, dass sich ihre Klientin das dritte teure Auto gekauft hat und nach wie vor mit ihrem Mann und ihren drei Kindern fünf Mal im Jahr große und lange Reisen unternimmt. Maria fühlt sich betrogen.

Auch in Punkto „Beziehung“ ist bei Maria irgendwie der Wurm drin: Der erste Ehemann besteht darauf, dass es Sex erst in der Ehe gibt, vernascht aber am Tag vor der Hochzeit die Trauzeugin. Der zweite Ehemann lässt sie mit dem gemeinsamen Kind sitzen und zieht lieber mit seiner deutlich jüngeren Assistentin nächtelang durch die Clubs. Der dritte Ehemann eröffnet ihr noch in der Hochzeitsnacht, dass er sie eigentlich gar nicht haben wollte. Sie wäre nur eine Notlösung gewesen, um nicht alleine zu sein. Eine Erektionsstörung habe er auch, aber das sei ja unwichtig. Er möchte eh keinen Sex mit ihr. Der aktuelle Mann ihres Herzens ist verheiratet und hat keinerlei Absicht, sich von Frau und Familie zu trennen. Aufgeben möchte er die Treffen mit Maria aber auch nicht.

Gibt es unbewusste Programme hinter Marias aktuellen Problemen?

Marias ursprünglicher Wunsch für die Coaching-Session war es, ihre berufliche Situation zu verbessern. Sie möchte endlich gesehen, anerkannt und entsprechend bezahlt werden. Beim Erzählen erkennt sie aber selbst, dass ihr ursprüngliches Anliegen nur die „Spitze des Eisbergs“ ist. Die darunter liegenden Konflikte sind viel tiefgreifender und weitreichender als sie ursprünglich angenommen hatte. Ihr ist jetzt bewusst, dass es anscheinend unbewusste Programme in ihr gibt, die sich in ihrem Leben immer wieder re-inszenieren. Nur, woher kommen sie? Und wie lassen sie sich ändern? Gemeinsam gehen wir auf die Suche und werden schließlich fündig.

Die Kriegserfahrung des Vaters existiert auch in den Zellen seiner Tochter Maria

Wie bei vielen Menschen hat sich auch in Marias Zellsystem die Kriegserfahrung ihrer Vorfahren verankert: Ihr Vater war als Soldat im 2. Weltkrieg. Mit nur 14 (!) Jahren wurde er eingezogen. Er bildete mit vielen anderen Kindern und Jugendlichen zusammen das letzte Aufgebot der Nazis in der Endphase des 2. Weltkriegs. Krieg traumatisiert vermutlich die meisten Menschen, aber diese „Kindersoldaten“ traf es noch um einiges härter: schlecht bis gar nicht ausgebildet, miserabel ausgestattet und sowohl körperlich aus auch psychisch hoffnungslos überfordert.

Die Niederlage der Deutschen war unabwendbar und stand unmittelbar bevor, die Menschen dieser letzten Einheiten wurden quasi sich selbst überlassen. Wie sie sich entschieden (kämpfen oder fliehen), wie sie aus den Kriegsgebieten nach Hause fanden, blieb ihnen selbst überlassen. In der allgemeinen Katastrophe waren sie ganz alleine auf sich gestellt. Marias Vater hatte seinen Enkeln später folgendes erzählt: „Ich kam zur Einheit. Mein Kommandant meint: Der Krieg ist so gut wie verloren, die Lage ist aussichtslos. Ich habe keine Befehle für euch. Ich kann euch nichts raten. Nichts empfehlen. Entscheidet selbst.“

Auf der Flucht zurück von der Front: möglichst unsichtbar zu sein sichert ihrem Vater das nackte Überleben

Maria’s Vater entschied sich, zu desertieren. Um nicht entdeckt zu werden, machte er sich so unauffällig, so unsichtbar wie möglich. War immer nur nachts unterwegs. Heimlich. Um nicht entdeckt zu werden. Wäre er von den eigenen Leuten entdeckt worden, hätte das vermutlich den Tod bedeutet. Was wäre, wenn er von den Feinden entdeckt worden wäre? Der schnelle Tod durch erschießen oder eine lange Kriegsgefangenschaft mit Folter und Hunger? Marias Vater hatte es schließlich geschafft: abgemagert, körperlich gezeichnet, schwer traumatisiert und bindungsunfähig war er von der Ostfront mehrere Tausend Kilometer zurück nach Hause gelaufen. Mit seiner Tochter sprach er nie über seine Erlebnisse im Krieg. Erst seinen Enkeln erzählte er einige wenige Eckdaten.

Maria, das Kind eines kriegstraumatisierten und bindungsunfähigen Vaters

Maria fühlte sich von ihrem Vater nie geliebt oder angenommen. Die Sätze, die sie von ihm als Kind zu hören bekam waren: „Du bist nicht gut genug!“ „Du bist nicht schön genug!“ „Dich will eh keiner!“ „Du bist es nicht wert!“ „Du schaust ja aus! Sag bloß keinem, dass Du zu uns gehörst!“

Wie das mit Glaubenssätzen so ist – wenn man sie oft genug hört, glaubt man sie irgendwann selbst. Maria stellte ihrem Vater später als Erwachsene die Frage, warum er all das gesagt hätte: „Ich konnte nicht anders. Ich wollte Dich schützen und Dich motivieren, Dein Bestes zu geben.“

Das Ungesagte darf in einer CoachingSession an die Oberfläche. Marie unterhält sich in einer kleinen systemischen Aufstellung mit ihrem verstorbenen Vater

Für die Auflösung der alten, belastenden Strukturen bitte ich Maria, einen Platz für ihren Vater und einen für sich zu wählen. Sie nimmt für ihren Vater einen Stuhl und platziert ihn im Raum. Sie selbst stellt sich ca. 1,5 m frontal vor den Stuhl, ihr Gesicht blickt zum Stuhl. Als ich sie frage, ob das die richtige Position sei, der richtige Abstand, und ob sie stehen und ihr Vater sitzen solle, nickt sie jedes Mal zustimmend. Meine Frage, ob sie noch irgendetwas verändern möchte, verneint sie, genauso wie die Frage, ob sie noch irgendetwas anderes braucht. Ich frage sie, ob ich neben ihr stehen und sie an der Schulter berühren darf. Sie bejaht.
„Bist Du bereit?“ – „Ja.“ – „Dann schließe jetzt bitte kurz die Augen.“

Ich berühre sie sanft an der Schulter, mache einen Energieabstrich in ihrem energetischen Feld vor ihrem Körper und nehme selbst einen Flowzustand ein. Maria klinkt sich in diesen Zustand ein und gelangt in andere, tiefere Schichten ihres Bewusstseins.

„Dein Vater sitzt jetzt vor Dir… Du kannst ihm jetzt alles sagen, was Du ihm sagen möchtest.“ In diesem Moment öffnet Maria die Augen und es sprudelt aus ihr heraus. Unter Tränen und Schluchzen, manchmal auch mit wütenden, anklagenden Schreien brechen ihre angestaute Trauer, ihr tiefer Schmerz und ihre zurückgehaltene Wut aus ihr heraus. Geschätzte acht Minuten lang verschafft sie sich Luft und schleudert ihrem Vater alles um die Ohren, was sie ihm zu Lebzeiten nicht mehr hatte sagen können oder wollen. Nach und nach verebbt ihr Ausbruch, bis sie schließlich erschöpft aber ruhig neben mir steht. Ich frage sie: „War das alles, was Du ihm sagen wolltest?“ – „Ja, das war alles.“ – „Wie fühlst Du Dich jetzt?“ – „Erleichtert, ruhiger, irgendwie „entladen“.

Der verstorbene Vater kommt zu Wort und kann Maria endlich das sagen, was er ihr zu Lebzeiten nie sagen konnte

Ich bitte Maria, jetzt den Platz ihres Vaters einzunehmen, die Augen zu schließen und einfach nur wahrzunehmen, wie es sich hier auf diesem Stuhl als ihr Vater anfühlt. Ich verändere die Ansprache und rede Maria jetzt als ihren Vater an:
„Wie fühlst Du Dich jetzt? Nach all dem, was Dir Deine Tochter gerade gesagt hat?“ – „Ich kann’s gar nicht richtig beschreiben, es gibt zwei Gefühle in mir: ich bin natürlich tieftraurig. Es schmerzt mich. Und doch bin ich so unglaublich stolz auf sie und das, was sie alles geschafft hat! Wie stark sie doch ist! Und ich habe sie doch so lieb! Sie war mein Augenstern! Auch wenn ich ihr das alles so nie zeigen und sagen konnte…“ – „Möchtest Du das Deiner Tochter denn sagen?“ – „Ja, unbedingt!“ – „Kannst Du das jetzt tun?“ – „Nein. Der Schmerz in mir ist noch zu groß!“

Wir entfernen den Schmerz aus Marias Energiefeld, stellvertretend für ihren Vater. Maria atmet danach tief durch und öffnet die Augen. Voller Wärme und Mitgefühl spricht sie aus der Perspektive des Vaters zu ihrer Tochter-Position: „Meine liebe Maria, ich bin so stolz auf Dich! Was Du alles geschafft hast, und was Du alles geleistet hast, auch für Deine Kinder! Gerade dann, wenn’s schwierig wurde, hast Du Dich nicht versteckt, so wie ich, sondern bist für Deine Kinder da gewesen! Du warst mein Ein und Alles, mein Augenstern! Ich liebe Dich so sehr!“

Vater und Tochter versöhnen sich posthum

Mit Marias Einverständnis drehe ich sie aus der Position des Vaters heraus. Ich bitte sie nun, die dritte Position der kleinen systemischen Aufstellung einzunehmen: die Meta-Ebene. Maria steigt dafür auf einen weiteren Stuhl und betrachtet die anderen beiden Positionen von oben.

„Wie fühlt es sich für Dich an? Jetzt, nachdem Du Vater und Tochter erlebt hast?“ Gerührt schaut sie auf die beiden Positionen von Vater und Tochter und meint: „Die beiden lieben sich sehr! Aber irgendwie konnten sie’s einander nie zeigen…“ – „Was müsste denn jetzt geschehen?“ – „Sie müssten sich einfach in den Arm nehmen…“ – „Möchtest Du das denn jetzt tun?“ – „Ja, unbedingt!“ – „Möchtest Du, dass ich stellvertretend für Deinen Vater stehe?“ schlage ich ihr vor. „Oh ja!“- „Wo soll das Ganze stattfinden?“
Maria stellt sich auf die Position der Tochter, wobei ihr Rücken zur Position des Vaters zeigt.
„Wo soll Dein Vater stehen?“ – „Seitlich und direkt hinter mir. Und er soll den Arm um mich legen.

Maria fühlt, wie die Nähe, Liebe und Unterstützung ihres Vaters in sie einfließen

Ich stehe stellvertretend für Marias Vater schräg hinter ihr und tue das, was sie vorgeschlagen hat: ich lege als ihr Vater meinen Arm um sie. Eine Zeitlang stehen wir so nebeneinander und ich nehme wahr, wie sehr sie diese Situation stärkt. Sie wirkt zunehmend entspannter, offener, weicher, selbstbewusster und größer. Ihr Atem vertieft und vergleichmäßigt sich, ihre Schultern straffen sich, ihre Körperhaltung wird aufrechter, ihr Blick offener, ihre Augen lebendiger.
Einer Intuition folgend wiederhole ich einige der liebevollen Sätze, die sie vorhin aus der Vaterperspektive gesagt hat. Sie atmet einige Male tief ein und ich habe das Gefühl, dass die Worte etwas in der Tiefe in ihr in Heilung bringen.
Als ich das Gefühl habe, dass es gut ist, spreche ich sie an: „Braucht es jetzt noch etwas?“ – „Nein, es ist alles in Ordnung. Es fühlt sich gut an!“
Mit einem AuraCurl verstärke ich das gute Gefühl in ihrem Feld, bis ein echtes, inniges Strahlen über ihr Gesicht huscht.

Der Transfer ins Jetzt: Darf eine erfüllte Partnerschaft sein?

Ich schlage Maria jetzt vor, einen Platz im Raum zu finden, der für sie eine erfüllte Partnerschaft repräsentiert. Sie wählt einen Hocker und legt das von ihr beschriftete Blatt mit den Worten „erfüllte Partnerschaft“ darauf. Ich bitte sie, sich jetzt einen Platz für sich selbst zu suchen. Sie stellt sich in einigem Abstand zu dem Hocker auf, ihr Blick ist geradeaus auf den Hocker gerichtet. Ich stelle mich neben sie, berühre sie wieder leicht an der Schulter und bitte sie, die Augen zu schließen. Ich gleite selbst wieder in einen Flowzustand und lade sie ebenfalls in diesen Zustand ein. „Maria, nimm einfach wahr, ob Du diesen Platz auf dem Hocker, der für eine erfüllte Partnerschaft steht, jetzt einnehmen kannst oder ob Dich noch irgendetwas daran hindert.“

Die Ahnen zeigen sich und werden im Raum präsent

Urplötzlich schießt mir die Kälte die Beine hoch und ich bekomme am ganzen Körper Gänsehaut. Es ist mein pesönlicher Indikator dafür, dass „spirits“ im Raum sind.
Marie neben mir haucht: „Ich kann nicht! Sie sind über all um mich herum!“ – „Wer?“ – „Meine Ahnen…“ – „Wo sollten sie denn sein wenn nicht um Dich herum?“ – „Definitiv nicht um mich herum, sondern hinter mir! Sie sollten mich stärken!“ – „Kannst Du sie denn darum bitten, dass sie hinter Dich treten?“ Maria nickt, hält ihre Augen weiter geschlossen, atmet tief durch und lässt sich Zeit.
Nach einer Weile meint sie murmelnd: „Die meisten sind jetzt hinter mir.“ – „Und was ist mit denen, die nicht hinter Dir sind?“ – „Die möchten zuerst „gesehen“ werden.“ – „Ist das Deine Aufgabe?“ – „Ja.“ – „Kannst Du das denn jetzt tun?“ – „Ja, das kann ich…“

Maria spricht mit ihren Ahnen

Wie schon zuvor mit ihrem Vater spricht Maria mit jedem Einzelnen ihrer Ahnen. Hoch emotional und tief berührend. Sie bedankt sich bei jedem von ihnen für das, was sie geleistet haben. Bringt Verständnis für ihr hartes Leben auf. Bittet sie zum Schluss, sich hinter sie zu stellen.
Nachdem sie fertig ist, atmet sie tief durch. „Sind jetzt alle Ahnen hinter Dir?“ – „Ja, alle.“ – „Und wie fühlt sich das für Dich an?“ – „Das fühlt sich extrem gut an!“

Der Kreis schließt sich. Maria gibt das Schutzprogramm ihrer Ahnen zurück

„Gibt es jetzt noch irgendetwas, was Dich daran hindert, Deinen Platz einzunehmen?“ Scheinbar aus dem Nichts heraus ruft sie aus: „Ich musste unsichtbar sein, um zu überleben!“ Ich bekomme am ganzen Körper wieder Gänsehaut und wie aus dem Nichts taucht vor meinem inneren Auge das Bild eines Jungen im Krieg auf, der versucht, so unsichtbar und unauffällig wie möglich zu sein, um sich Nachts durch feindliches Gebiet nach Hause zu schleppen. Sein „nicht-bemerkt-werden“ sichert tatsächlich sein nacktes Überleben. Ich frage Maria, wer diesen Satz denn sagt. „Alle meine Ahnen, vor allem aber mein Vater! Oh, ich verstehe jetzt!“ murmelt sie bedrückt und tief berührt.
Diese Erkenntnis muss auch ich erst einmal sacken lassen, bevor ich fortfahre: „Brauchst Du, Maria, denn jetzt diese Unsichtbarkeit als Schutz immer noch?“ – „Nein“ meint sie nachdenklich. „Könntest Du dieses Schutzprogramm denn dann zurückgeben an Deine Ahnen?“ – „Ja, das wäre eine sehr gute Idee. Das möchte ich tun! Kann ich bitte ein Päckchen Taschentücher haben?“ Ich reiche ihr eines.
Und wieder arbeitet sie ganz für sich, ohne dass ich groß zu helfen brauche. Ich bin einfach nur da und bei ihr und ihrem Prozess. Für mich fühlt es sich so an, als packe sie in diesen Momenten all ihr „Unsichtbar Sein“ in das Päckchen Taschentücher.

Das Schutzprogramm der Ahnen ist aufgelöst. Maria ist frei und kann ihren Platz einnehmen

Eine kleine Spiegelübung für mehr Selbstliebe zum Abschluss

Als sie fertig ist, frage ich sie: „Maria, brauchst Du noch etwas, bevor Du Deinen Platz einnehmen kannst?“ Ein Strahlen huscht über ihr Gesicht, als sie kopfschüttelnd verneint: „Nein. Der Weg ist frei. Jetzt kann ich gehen!“ Zu meiner Überraschung setzt sie sich nicht nur auf den Hocker, sondern stellt sich auf ihn und ruft laut: „Ich bleibe hier, du Schnepfe!“
Aha, denke ich bei mir, das war wohl noch eine Ansage an diejenige, die sich immer zwischen sie und ihren Liebsten drängen möchte. Ich bestärke sie darin, den Satz zu wiederholen und auch noch weitere Sätze auszuprobieren. Immer mit hoher Energie versehen, unterstützt von Mimik, Gestik, Körperhaltung etc. so dass das neue neuronale Netz sich gut im System ankern kann.

Wir testen das Neue kurz noch einmal auf seine Praxistauglichkeit in der Zukunft. Es tauchen keine Einwände auf. Maria steigt schließlich glücklich vom Hocker herab, tappt zur Couch und lässt sich erschöpft, aber glücklich sinken.

Nach einer kleinen Weile fragt sie mich: „Ich habe das Gefühl, Du kannst mir noch etwas mitgeben… etwas für mein Selbstwertgefühl…“ Und tatsächlich hat sie Recht, mir ist gerade kurz vorher noch ein Gedanke gekommen.

Ich hole eine Postkarte mit dem indischen Namaste-Gruß, lese ihn ihr vor und meine es in dem Moment auch genau so:

„Ich ehre den Platz in Dir, in dem das gesamte Universum residiert.
Ich ehre den Platz des Lichts in Dir, der Liebe, der Wahrheit, des Friedens und der Weisheit in Dir. Ich ehre den Platz in Dir, wo, wenn Du dort in Dir bist und ich an diesem Platz in mir bin, wir beide nur noch eins sind.“

Ein tiefes Leuchten flackert in ihren Augen auf und berührt uns beide. Ich schenke ihr die Karte und empfehle ihr, diese Sätze drei Mal täglich ihrem eigenen Spiegelbild zu sagen. Sich selbst dabei tief in die Augen zu schauen und sie aus tiefstem Herzen auch so zu meinen. Beseelt steckt sie die Karte ein.

Marias Erkenntnis: Entscheidend für die Lösung eines Musters ist nicht der Verstand allein, sondern vor allem das Gefühl

„Was mich sehr verwundert hat, ist, dass gerade die Beziehung zu meinem Vater noch so stark emotional geladen war. Ich habe schon so oft daran gearbeitet und mir waren alle Muster vertraut. Aber mir ist heute bewusst geworden, dass ich das bisher alles mehr aus dem Verstand gelöst habe, und wenig aus meinem Gefühl. Mir ist bewusst geworden, dass es zur wahrhaftigen Lösung unbedingt auch mein Herz und mein Gefühl gebraucht hat. Und es hat ein Verzeihen und Annehmen auf tiefster Ebene gebraucht. Jetzt bin ich in zum ersten Mal in meinem Leben wirklich in Frieden damit.“

Ein vorletzter Check: Ist auf den alten Glaubenssätzen noch Ladung drauf?

Ich konfrontiere sie noch einmal mit ihren alten Glaubenssätzen und sage herausfordernd nacheinander: „Du bist nicht gut genug!“ „Dich will eh keiner!“ und „Du bist es nicht wert!“
Sie schaut mir nur gelassen direkt in die Augen, sagt mit fester Stimme und ganz ruhig: „Das stimmt nicht.“ – „Genau! Aber wie ist es denn dann?“ – „Ich bin es wert, geliebt zu werden. Ich bin wertvoll. Ich bin schön. Und ich werde geliebt.“
Voller Freude erkenne ich, dass ihre alten destruktiven Glaubenssätze keine emotionale Ladung mehr haben. Und noch mehr: sie hat sie bereits mit neuen, unterstützenden Überzeugungen ersetzt. Wie wundervoll!

Ein letzter Check: Wie viel ist sich Maria jetzt wert?

Ich teste unser letztes Ziel – einen angemessenen Preis für Honorartätigkeiten annehmen – und frage sie: „Wie reagierst Du, wenn Deine wohlhabende Klientin das nächste Mal wieder eine Beratung für 10€ die Stunde haben möchte?“ – „Ich sage ihr, dass eine Beratung ab sofort 100€ die Stunde kostet und in meinen Praxisräumen stattfindet.“ – „Und wenn sie Dich wieder beim Einkaufen abpasst?“ – „Dann kann ich ja mit ihr über allgemeinere Themen reden. Aber ich werde sie nicht kostenlos beraten! – Was mir ehrlich nicht bewusst war, ist, wie sehr die Erfahrungen meiner Ahnen in mein berufliches Dilemma mit hineingespielt haben! Aber das macht für mich absolut Sinn! Ich musste erst meine persönlichen Wunden heilen. Der Rest ergibt sich dann fast von alleine.“
Ich freue mich wie ein Schneekönig mit ihr über ihre wunderbaren Erkenntnisse. Und darüber, wie viele alte Wunden sie für sich und ihre Ahnen heilen konnte. Mein Herz quillt fast über vor Freude und wir beenden die Session.

Der Beweis einige Zeit später: Unsichtbarkeit adieu!

Einige Zeit später sehe ich zufällig ein Bild von ihr in der Zeitung. Auf einem Gruppenfoto steht sie in der Mitte und zieht die Blicke auf sich. Unter all den Anzugträgern sticht sie in ihrem atemberaubend schönen farbenfrohen Kleid eindeutig aus der Menge heraus. Unübersehbar. Stolz. Strahlend. Wunderschön. Selbstbewusst und präsent. Ein Schmunzeln huscht mir über die Lippen und ein warmes, weiches Gefühl breitet sich wohltuend von meinem Herzen in meinen ganzen Körper aus. Das alte Muster „Sei unsichtbar, und Du überlebst!“ ist eindeutig vergangen.